Der kranke Zahn

Gedichte

Das Zahnweh

 

Das Zahnweh, subjektiv genommen,
ist ohne Zweifel unwillkommen;
doch hat’s die gute Eigenschaft,
daß sich dabei die Lebenskraft,
die man nach außen oft verschwendet,
auf einen Punkt nach innen wendet
und hier energisch konzentriert.
Kaum wird der erste Stich verspürt,
kaum fühlt man das bekannte Bohren,
das Zucken, Rucken und Rumoren,
und aus ist’s mit der Weltgeschichte,
vergessen sind die Kursberichte,
die Steuern und das Einmaleins,
kurz, jede Form gewohnten Seins,
die sonst real erscheint und wichtig,
wird plötzlich wesenlos und nichtig.
Ja, selbst die alte Liebe rostet,
man weiß nicht, was die Butter kostet,
denn einzig in der engen Höhle
des Backenzahnes weilt die Seele,
und unter Toben und Gesaus
reift der Entschluß: Er muß heraus!

Wilhelm Busch, ca. 1865

 

Kassenhass

 

Ein Mann, der eine ganze Masse
Gezahlt hat in die Krankenkasse,
Schickt jetzt die nötigen Papiere,
Damit auch sie nun tu das ihre.
Jedoch er kriegt nach längrer Zeit
statt baren Gelds nur den Bescheid,
Nach Paragraphenziffer X
Bekomme er vorerst noch nix,
Weil, siehe Ziffer Y,
Man dies und das gestrichen schon,
So daß er nichts, laut Ziffer Z,
Beanzuspruchen weiter hätt.
Hingegen heißt’s, nach Ziffer A,
Daß er vermutlich übersah,
Daß alle Kassen, selbst in Nöten,
Den Beitrag leider stark erhöhten
Und daß man sich, mit gleichem Schreiben,
Gezwungen seh, ihn einzutreiben.
Besagter Mann denkt, krankenkässlich,
In Zukunft ausgesprochen häßlich.

Eugen Roth, 1935

 

Der Zahnarzt

 

Nicht immer sind bequeme Stühle
Ein Ruheplatz für die Gefühle.
Wir säßen lieber in den Nesseln,
Als auf den wohlbekannten Sesseln,
Von denen, sauber und vernickelt,
Der Zahnarzt seine Kunst entwickelt.
Er lächelt ganz empörend herzlos
Und sagt, es sei fast beinah schmerzlos.
Doch leider, unterhalb der Plombe,
Stößt er auf eine Katakombe,
Die, wie er mit dem Häkchen spürt,
In unbekannte Tiefen führt.
Behaglich schnurrend mit dem Rädchen
Dringt vor er bis zum Nervenfädchen.
Jetzt zeige, Mensch, den Seelenadel!
Der Zahnarzt prüft die feine Nadel
Mit der er alsbald dir beweist,
Dass du voll Schmerz im Innern seist
Du aber hast ihm zu beweisen,
Dass du im Äußern fest wie Eisen.
Nachdem ihr dieses euch bewiesen,
geht es daran, den Zahn zu schließen.
Hat er sein Werk mit Gold gekrönt,
sind mit der Welt wir neu versöhnt
Und zeigen, noch im Aug die Träne,
Ihr furchtlos wiederum die Zähne:
Die wir – ein Prahlhans, wer`s verschweigt –
Dem Zahnarzt zitternd nur gezeigt.

Eugen Roth, 1939

 

Gedicht einer Patientin

 

Ach war das Weh und Klagen,
und diesmal war es nicht der Magen.
Ein Biß ins Brot, der Zahn entzwei,
ohweh, ohweh – ohweh, ohweih!
Der Schmerz ist groß, die Panik mehr,
trotzdem – der Termin beim Arzt muß her!

Mit zitternden Knien, der erste Gang,
– doch dann – ein nettes Wort gleich beim Empfang.
Der Doc‘ dann – eine DIE,
und wahrlich SIE ist ein Genie:
Mit flottem Spruch und zarter Hand,
die Angst plötzlich total verschwand.

Mit gutem Aug‘ und viel Verstand –
die Zähne sind jetzt 1. Hand.
Die Hilfe kompetent und nett,
so ist das Team dort einfach perfekt!
Jetzt geh ich da schon gerne hin,
und sag – in diesem Sinn:

Es ist ganz dick zu loben –
Das PRAXIS-TEAM von Hallmich-Kober !!

Zahnweh

 

Bescheiden fängt ein alter Zahn,
der lange schwieg, zu reden an.
Entschlossen, nicht auf Ihn zu hören,
tun wir, als würd uns das nicht stören.
Der unverschämte Zahn jedoch
Erklärt, er hab´ bestimmt ein Loch
Und schließlich meint er, ziemlich deutlich,
dass Ihm nicht wohl sei, wurzelhäutlich.
Wir reden dreist Ihm ins Gewissen:
„Wenn Du nicht schweigst, wirst Du gerissen!“
Doch wie? Der Lümmel lacht dazu:
„Das fürcht´ ich lang nicht so wie Du!“
Wir suchen mild Ihn zu versöhnen:
„Ließ ich Dich golden nicht bekrönen?
Schau, haben nicht wir beiden Alten
Zusammen jetzt so lange gehalten?
So manchen guten Biss geteilt?“
Es ist umsonst, er bohrt und feilt
Und sieht nicht ein, wie es verwerflich,
Uns völlig zu zersägen, nervlich.
Wir werden stark! (In Wahrheit schwach!)
Am nächsten Morgen kommt´s zum Krach.
Der Zahn wehrt sich mit Löwenmut;
Doch übersteht er´s schließlich gut.
Uns aber bang schon – Zahn um Zahn –
Bald kommt vielleicht der nächste dran!

Eugen Roth

 

Einsicht

 

Der Kranke traut nur wiederwillig
Dem Arzt, der´s schmerzlos macht und billig.
Lasst nie den alten Grundsatz rosten:
Es muss a) wehtun, b) was kosten

Eugen Roth

 

Undank

 

Ein guter Arzt weiß gleich oft, wo.
Statt dass man dankbar wär und froh,
ist man so ungerecht und sagt:
„Der hat sich auch nicht arg geplagt!“
Ein anderer tappt ein Jahr daneben –
Mild heißt´s: „Müh hat er sich gegeben!“

Eugen Roth

 

Holde Täuschung

 

fühlt sich der Mensch besonders wohl.
Und doch, es macht Ihn nichts so hin,
wie Alkohol und Nikotin.

Eugen Roth

 

Es bleibt sich gleich

 

Ein Mensch, der schrecklich Zahnweh hat,
Gibt gern dem frommen Wunsch statt,
Es möchte seines Schmerzens Quelle
Verlagern sich an andre Stelle.
Er hält sich nämlich für gewiss,
nichts quäle so wie das Gebiss.
Gerührt von seinen bittren Tränen,
Entfährt der Teufel seinen Zähnen.
Und rückt den frei gewordnen Schmerz
dem Wunsch entsprechend anderwärts.
Der Mensch, nun mehr mit Hämorrhoiden,
ist ausgesprochen unzufrieden.
Und sucht den Teufel zu bewegen,
den Schmerz von neuem zu verlegen.
Dass man die gute Absicht sehe,
Schlüpft nun der Teufel in die Zehe,
der Mensch, geschunden ungemindert
fühlt sich noch obendrein behindert,
im Bette muss er liegen still
und kann nicht hingehn, wo er will.
Jedoch nach den gehabten Proben,
lässt er den Schmerz geduldig toben –
und das beruhigt Ihn am ehsten:
Denn, wo´s grad weh tut, tut´s am wehsten!

Eugen Roth

 

Beim Dentisten

 

Um mein Mundwerk auszumisten,
ging ich einmal zum Dentisten,
den ich schon seit Jahren scheute,
was ich diesen Tags bereute.

Nach der optischen Betrachtung
sagte er mir: „Alle Achtung –
Ihren Mund möchte ich nicht haben.
War`n Sie nie in einem Laden
mit Zahnbürsten und Zahnpasten
für die Hauer und belasten
Sie mit diesen Zähnen
Ihre Umwelt nicht durch`s Gähnen ?

Ich schreib kurz die Diagnose:
Erstens schreib ich : alles lose,
zweitens Zahnfleisch schmal und wund
und zum Schluss der Hauptbefund :
große Löcher
noch und nöcher !“

Johann König